Gernot Werner Gruber

Die unglaubliche Reise des Bruder Luh, früher bekannt als Ötzi

Band 2 der turbulenten Komödie „Reanimo“ rund um die berühmteste Gletschermumie der Welt: Das sympathische Männerquartett Ötzi, Charly, Dimitri und der Pathologe sind wieder unterwegs, sorgen für allerlei Missverständnisse, tappen in Fettnäpfchen und unterhalten mit komischen Dialogen. Eine witzige Screwballkomödie mit Ötzi als Undercoveragent.

Ladenpreis: Euro 17,90

franz. Broschur 13,5 × 20 cm
200 Seiten
ISBN: 978-88-7283-620-0

Auch als erhältlich

https://www.youtube.com/watch?v=8SaR8R97T6U

Nachdem in Band I der Eismann durch eine unglaublich turbulente Jagd, seitens der Medien und der Geheimdienste, am Tisenjoch vorläufig tödlich abstürzte, übertaucht er die Aufmerksamkeit der ganzen Welt in einem Kloster im Südtiroler Vinschgau. Dort bringt er die Klosterordnung durcheinander und bekocht die Pater mit halluzinogenen Kräutern und jahrtausendalten Rezepten. Doch dann wird ihm das Ganze zu langweilig und es springt ihn eine riesige Berufung an: Er will mit Charly Weger die Welt retten oder wenigsten ändern. Gemeinsam macht sich das Duo auf den Weg, während der Pathologe und Dimitri in ihrem Versteck im Südpazifik davon Wind kriegen und sich ebenso besorgt auf die Suche nach der pumperlgesunden Gletscherleiche machen. Und damit geht der ganze Zauber wieder von vorne los.

„Du hast das Ave Maria heute wieder wunderbar gesungen, Bruder Karl“,

sagte der Abt süßlich. Charly Weger hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass man ihn hier im Kloster bei seinem Taufnamen rief. Das war zuletzt in der Pflichtschule so gewesen. Was wiederum viel zu lange her war, um sich zu erinnern. Gerade bei jemandem wie Charly Weger, der es seit einiger Zeit ganz und gar nicht mehr so recht mit dem Erinnern hatte. Aber der Freund an seiner Seite, den alle Bruder Luh An nannten, half ihm auch dieses Mal. „Schönes Ave“, sagte sein Kumpane und klopfte ihm zwischen die Beine.

Leseprobe

Charly Weger stoppte seinen Löffel kurz vor dem Mund, schluckte langsam und murmelte gelangweilt ein „Des Herrn Dank ist das spärliche Brot des armen Mannes“ in die Runde. Seine Worte zauberten den bärtigen Patres an der langen Tafel ein Lächeln ins Gesicht. Zu mehr Ablenkung von der Ursuppe war Charly im Moment aber nicht bereit. „Ihr seid heute genau ein halbes Jahr bei uns!“ Der Abt gab nicht auf. Er wollte die beiden Klosterbrüder, die aus der Menge der übrigen Klosterbrüder durch das Fehlen eines Bartes herausstachen, in ein Gespräch verwickeln. „Auch wenn man die Zeit halbiert, vergeht sie trotzdem“, sagte Charly Wegers Freund. Niemand ahnte, welch stolzes Alter er und seine Weisheiten in sich trugen. 5.300 Jahre war ein unglaubliches Alter und eine imposante Zahl. Fast genauso viele Sprüche und Aphorismen hatten die Mitbrüder in den letzten Monaten aufgeschrieben. Die Sprüche waren im Klosteralltag willkommen, um die monotonen Wiederholungen der schon zu oft gehörten Bibelverse durch völlig neue Perspektiven zu unterbrechen. Darüber, dass Bruder Luh freiwillig den Kochdienst übernommen hatte, weil er die Speisen von Bruder Wilfried so gar nicht mochte, waren die anderen ordentlichen Ordensbrüder unendlich seelenfroh. Das lag nicht nur daran, dass Bruder Luh eine kleine, leise Revolution angezettelt hatte, die damit endete, dass der Abt eine Festanstellung als Abräumer, Abwäscher und Küchenputzfrau erhielt, sondern wohl auch an der täglichen Vorspeise.

Die Ursuppe hatte es in sich. Bei den Zutaten vertraute Luh An, die ehemalige Gletscherleiche, auf jahrtausendealtes Wissen. Da war zunächst die Prunkrinde, die er zwischen zwei Steinen zermalmte und in die Suppe gab. Hinzu kam ein dunkler Saft von einer Konsistenz, wie man sie heute von altem Balsamico kennt. Der Sirup bestand aber aus Katzenminze, Eibennadeln, Wermut, Beifuß und Engelswurz. Besenginster und Schlafmohn machten die Suppe zu etwas Besonderem. Zu guter Letzt rührte Luh noch Stinklattich hinein und würzte mit Muskat und Habichtskraut. Es war eine Fülle an halluzinogener Botanik, die er mit seinem Gehilfen in den Wäldern rund um das Kloster sammelte. Charly Weger war sehr talentiert, um Luh An beim Aufspüren zu helfen. Das müsse wohl daherkommen, dass er früher schon beruflich einmal irgendetwas mit Schnüffeln gemacht hatte, war Charly überzeugt. „Was genau, weiß der …“, grummelte er vor sich. Luh wollte wissen wer. „So ein Dingstier zum Fliegen …“, erwiderte Charly. „Weiß der Geier, wie das heißt!“

TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 2135 - Rezension

Wenn man sogenannte Helden aus ihrer angestammten Zeit nimmt, werden sie oft milde bis lächerlich. Auf jeden Fall aber halten sie der jeweiligen Gegenwart einen trüben Spiegel vors zeitgenössische Antlitz.

Gernot Werner Gruber belebt mit seiner „Reanimo“-Trilogie den Ötzi. Indem er diesen in der Gegenwart auftauchen lässt, entlarvt er auch den aktuellen Ötzi-Kult. So wie man in einen Kult an jeder Stelle einsteigen kann, kann man es auch in der Ötzi-Trilogie. Das Personal nämlich bleibt überschaubar. Einmal haben sich der wiedererweckte Ötzi und ein künstlerisch veranlagter Stadtpolizist aus Bozen zusammengeschlossen, sie treten als Bruder Luh und Charly Weger auf. Zum anderen reisen der skurrile Molekularbiologe Dimitri und sein Südtiroler Pendant, der Ötzi-Pathologe, auf der Suche nach den beiden um die halbe Welt. Zusammengehalten wird diese fugitive Konstellation von einer jammernden Museums-Direktorin, die in ihrem Ötzi Museum den Ötzi verloren und durch ein Double ersetzt hat.

Im zweiten Abenteuer sind Weger und Luh schon ein halbes Jahr in einem Kloster, um zur Ruhe zu finden und alles aufzuschreiben, was für die Nachwelt von Bedeutung ist. So erfahren wir auch den Inhalt des ersten Bandes und können ruhig weiterlesen, als sich vom anderen Ende der Welt Dimitri und der Pathologe melden. Sie sind auf einer tropischen Insel zwischengelandet und versuchen die Urwurzeln der Menschheit zu analysieren, indem sie die Sprache der Einheimischen missverstehen.

Während die insulare Welt durchaus Züge von Südtirol entwickelt, entpuppt sich das Kloster als Imitat von tibetanischen Gebetseinrichtungen. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zu Reinhold Messner, der im eigenen Land mittlerweile als Guru verehrt wird wie früher als Yeti-Verschnitt in Tibet.

Das pathologische Duo kehrt nach Europa zurück, indem es die wahnwitzigsten Anreise-Touren wählt. Getarnt im Strom der Flüchtlingsroute reist es in einem Gemüse-Drogen-Transport aus Albanien ein, die beiden sind baff erstaunt, als der Schmuggler gleich einmal ins Puff muss, um alle Geschäfte zu erledigen.

Ötzi wird mittlerweile zur Kultfigur der Esoterik und Transzendenz-Szene, an manchen Tagen fliegen ihm die Herzen dermaßen heftig zu, dass er gefährlich zu schmelzen droht.

Gernot Werner Gruber gelingt es mit seiner archaischen Ötzi-Fiktion, die Gegenwart auf kultische Skurrilitäten zurückzuführen, wie wir sie letztlich aus Ausgrabungen und Rekonstruktionen kennen. Die Südtiroler benehmen sich dabei so, als müssten sie nicht nur in einem amüsanten Werbefilm auftreten, sondern sie arrangieren den Alltag bereits so, dass man ihn mühelos in einem Museum auslegen könnte. Und die Heilsbotschaft ist ja auch bemerkenswert, der Eingefrorene verlässt sein Schaulager, taut auf und weilt mitten unter den Menschen. – Mit etwas Glück könnte aus Ötzi noch eine Religion werden.

Hannes Schönauer